LEITARTIKEL


Quo vadis Finanzmärkte? – 10 Stimmen zum Ausblick auf das zweite Halbjahr 2020

Das erste Halbjahr 2020 wird uns allen in ganz besonderer Erinnerung bleiben. Noch ist die Situation nicht gänzlich vorüber, doch fürs Erste können wir aufatmen und uns von einer sehr anspruchsvollen Zeit erholen. Bereits erholt zeigen sich die Kapitalmärkte, die ab Mai mit einer neuen Dynamik aus der Corona-Phase gestartet sind. Doch ist die Entwicklung langfristig? Werden wir auch im zweiten Halbjahr 2020 trotz der anstehenden und sicherlich weniger glimpflich ausfallenden Berichtssaison zu den Q2-Zahlen weiterhin aufblühende Märkte erleben?

Wir haben unsere Partner gefragt, wie sie auf das zweite Halbjahr blicken, welche Chancen und Potenziale in den verschiedenen Assetklassen liegen und wie sie damit umgehen. Vorhang auf für ihre Stimmen:

Wird es eine wirksame Impfung gegen das Covid-19 Virus geben? Wann wird sich die Wirtschaft spürbar vom Pandemie-Schock erholen? Wie werden die Konsumpräferenzen der Menschen zukünftig aussehen? Wie werden sich die massiv gestiegenen Staatsschulden und das viele neue Zentralbankgeld mittelfristig auswirken? Wie geht es in den USA politisch weiter? Wie wird unser Leben in der „neuen Normalität“ sein? Die Risikobereitschaft der Marktteilnehmer wird im zweiten Halbjahr von Fakten und Erwartungen in diesen komplexen Themenfeldern abhängen – und natürlich von den Infektionskurven.

Dr. Peter Oertmann, Partner bei OTHOZ GmbH


„Die Kombination von stark reduzierten Gewinnprognosen und der jüngsten Aktienmarktrallye hat zu Bewertungen am Aktienmarkt geführt, welche wir bisher nur aus der Dotcom-Blase Anfang der 2000er Jahre kannten. Langfristig mag man zu Recht argumentieren, dass diese keine besonders attraktiven Einstiegsgelegenheiten bieten. Man muss sich aber vor Augen führen, dass das in Europa grassierende Negativzinsumfeld seit Jahren kaum Alternativen bietet. Am Immobilienmarkt haben wir ebenfalls eine Neubewertung in den vergangenen Jahren erlebt. Insofern ist es gut vorstellbar, dass diese hohen Bewertungen am Aktienmarkt uns noch eine Zeit begleiten und erst durch den Anstieg der Unternehmensgewinne in den nächsten Jahren abgebaut werden.“

Alexander Chamier, Senior Portfolio Manager bei Apo Asset Management GmbH


„Wir gehen mit Optimismus in das zweite Halbjahr. Auch wenn uns das Coronavirus weiter beschäftigen wird, stellen wir uns wirtschaftlich und gesellschaftlich auf ein Leben mit dem Virus ein und im Zeitablauf sollte eine gewisse Normalität eintreten. Haupttreiber für unser Geschäft und die Märkte dürften aber weiter die extrem niedrigen Zinsen und die massive Liquidität, die die Notenbanken zur Verfügung stellen, sein. So werden Aktien und Anleihen mit Bonitätsrisiken immer dann gefragt sein, wenn es keine relevant negativen Nachrichten gibt.“

Jan Meister, Geschäftsführer bei Meritum Capital Managers GmbH


"Im Hause Wallrich Asset Management sind wir auf Volastrategien spezialisiert. Dabei vereinnahmen wir Optionsprämien für den Verkauf von Put-Optionen auf Einzeltitel und Indizes. Im gegenwärtigen Post-Crash-Szenario vereinnahmen wir Prämien auf dem höchsten Niveau der letzten 10 Jahre. Die hohe Volatilität und die damit verbundenen attraktiven Prämien werden uns noch einige Zeit begleiten. Nach unserer Einschätzung könnte sich die Aufwärtsbewegung der letzten Monate auch fortsetzen. Katalysatorisch wirkt hier die Geldflut der Zentralbanken, welche in Ansätzen auch zu einer Asset-Price-Inflation führt. Zusätzlich wurden im Zuge des Crashs viele „schwache Hände“ aus dem Markt gespült, sodass gegenwärtig der Optimismus überwiegt. War der Corona-Crash an den Börsen vielleicht ein reinigendes Gewitter?"

Stefan Wallrich, Vorstand von Wallrich Asset Management AG über die Perspektive von Volatilitätsstrategien.


„Nach den brutalen Preisbewegungen in den Rohstoffmärkten, v.a. bei Öl, im ersten Halbjahr 2020, sollte die zweite Hälfte etwas weniger volatil werden. Die Kürzungen der OPEC und der US-Fracker haben den Markt einigermaßen ausgeglichen. Die Nachfrage hat sich erholt, verharrt aber unten den Niveaus vor Covid-19. Die nächste Frage wird sein, wie die vollen Öllager bereinigt werden. Denn dies wird seine Zeit brauchen. Damit dürften Zugewinne bei Öl im zweiten Halbjahr deutlich weniger dynamisch sein, als im zweiten Quartal 2020.“

Michael Krauß, Senior Fondsmanager & Partner bei Tresides Asset Management GmbH über die Assetklasse Rohstoffe im Besonderen


„Der Ausbruch einer Pandemie in der Form wie wir es gesehen haben und noch immer sehen hat uns natürlich per se überrascht. Es hat in unserer Assetklasse aber dazu geführt, dass man deren Vorzüge zu sehen bekommt wie selten zuvor. Zuletzt konnten Wandelanleihen ihre Konvexität in einer derart ausgeprägten Variante wahrscheinlich 2009 zeigen. Eine positive year to date performance nach den ersten sechs Monaten des Jahres zeigt die Stärke von Wandelanleihen in so einem Umfeld, speziell, wenn man einen Vergleich mit anderen Assetklassen anstellt. Dies liegt auch daran, dass ein signifikanter Anteil unter den Wandelanleiheemittenten zu jenen Unternehmen gehört, die als sogenannte „Krisengewinner“ bezeichnet werden.“

Bernhard Birawe, Managing Partner und Co-Founder von CONVEX Experts GmbH über Wandelanleihen


„Inzwischen überwiegen in vielen Bereichen schon wieder die Zeichen der Erholung. So signalisieren die Umfragen bei den Einkaufsmanagern allesamt ein Wachstum - sowohl in der Industrie, als auch im von der Epidemie stärker getroffenen Dienstleistungssektor. Die Industrie hat sogar schon fast wieder Vor-Virus-Niveau erreicht. Losgelöst von den überraschend guten Entwicklungen nach kürzester Zeit bleiben die langfristigen Visionen des Landes trotz des Coronavirus unberührt: Zum 100-jährigen Gründungsjubiläum der Volksrepublik China 2049, soll das Land nicht nur modern, stark und wohlhabend sein, sondern längst schon die heutige Nummer eins (USA) als Weltmacht abgelöst haben.“

Alexander Wiedemann, Mitglied der Geschäftsleitung von FIVV AG über die Zukunftschancen von China


„Generell hat die Corona-Pandemie noch einmal die Bedeutung des BioPharma-Sektors für die Gesundheit der Menschen, aber auch für das Funktionieren der Wirtschaft verdeutlicht. Allerdings haben die Aktienmärkte Firmen, die an Wirkstoffen zur Behandlung von oder Impfstoffen zum Schutz vor Covid-19 arbeiten, zum Teil regelrecht gehyped. Dies kann zu erheblichen Übertreibungen führen. Medical Strategy investiert daher schwerpunktmäßig in Unternehmen, die grundsätzlich innovative Therapien gegen Erkrankungen entwickeln - nicht nur gegen Corona. Hier ist vor allem breite Streuung sehr wichtig.“

Jürgen Harter, Geschäftsführender Gesellschafter bei Medical Strategy über die Perspektive für den Bio-Pharma Sektor


„Unsere Welt befindet sich seit Jahren in einer digitalen Transformation. Eine essentielle Rolle spielt die Blockchain-Technologie. Der Ausbruch der Covid-19-Pandemie und der weltweite Lock-Down haben wie ein Katalysator gewirkt. Unser tägliches Leben hat sich radikal von offline auf online umstellen müssen. Es gab Unternehmen, die davon profitiert, und andere, die darunter gelitten haben. Eine zweite Corona-Welle würde dies nochmals verstärken.“

Axel Daffner, Fondsmanager des ART Transformer Equities Fonds, der sich mit seinen „Blockchain-Investments“ gut aufgestellt fühlt


„Während die stimulierende Wirkung der Geldflutung durch die Notenbanken an den Kapitalmärkten abnehmen dürfte, wird der strukturelle Rückenwind bei jenen Branchen erhalten bleiben, deren ohnehin hohe Wachstumsdynamik durch Corona einen weiteren Schub erhalten hat (z. B. Digitalisierung, Gesundheitswesen, neue Mobilitätskonzepte u. a.). Mit unserem Fokus auch auf sogenannte semiliquide Anlagen, mit denen wir ansonsten illiquide Konzepte im Bereich der alternativen Anlageklassen wie Private Equity oder auch den Schwellenländern bequem und flexibel erschließen können, fühlen wir uns bestens gerüstet, um an dem Potenzial unternehmerisch geprägter Wertschöpfung zu partizipieren.“

Matthias Rathgen, Head of Alternative & Semiliquid Investments bei AURETAS family trust über die Aussichten alternativer Investments