LEITARTIKEL


(Value-)Aktien:
Ausweg aus der Rendite-Eiszeit?

Ein Ausweg aus der Rendite-Eiszeit wird im englischsprachigen Raum als „TINA“ beschrieben: there is no alternative – gemeint sind Aktien. Sind Aktien wirklich alternativlos? Auf den ersten Blick bestechen viele Aktienmärkte und Einzelaktien durch hohe Dividendenrenditen – zum Teil sind sie ein Vielfaches der ultra-niedrigen Bondrenditen. Die klassischen Bewertungskennziffern – Kurs-Gewinn-Verhältnis, Preis-Buch-Verhältnis – sind in manchen Bereichen auffällig günstig. In manchen Sektoren auch zu Recht, in Deutschland wären dies beispielsweise der Banken- und Automobilsektor.

Grafik 1: Gewinnstagnation MSCI World

Grafik 2: Prognose Earnings Growth bis 2020

Günstige Bewertungen sind jedoch in der Frühphase eines Konjunktur- und Gewinnzyklus ein besseres Kaufkriterium als in einer Spätphase wie heute. In solchen Phasen ist das Gewinnwachstum das entscheidendere Kriterium. Der europäische Aktienmarkt steckt insgesamt bereits in einer Gewinnrezession, der amerikanische schrammt haarscharf daran vorbei. Ihm helfen unter anderem die großzügigen Aktienrückkaufprogramme, der ausgewiesene Gewinn pro Aktie lässt sich so ceteris paribus steigern. Global betrachtet ist man in eine Phase der Gewinnstagnation eingetreten. Eine Besserung könnte zum Jahreswechsel eintreten, aber auch nur, wenn es zu einer konjunkturellen Besserung kommt. Alles in allem bleiben wir in unserer Asset Allocation im US-Aktienmarkt übergewichtet; er entwickelt sich in aller Regel in Abwärtsphasen besser als andere Märkte, in Aufwärtsphasen sind es nicht zuletzt die Technologiewerte, die ihn an die internationale Spitze heben sollten. Europa bleibt deutlich untergewichtet. Einen Blick lohnen inzwischen auch die Emerging Markets. Gelingt die Konjunktur- und Gewinnwende, sollten sie davon besonders profitieren.

Qualitätswerte bestimmen das Aktienportfolio

Unter der Oberfläche von Aktienmärkten und Aktienindizes verbergen sich jedoch auffällige Unterschiede. Die Streuung in der Wertentwicklung ist enorm. Sowohl im DAX 30-Index als auch im EuroStoxx50- oder im amerikanischen S&P-Index beträgt die Differenz zwischen dem besten und schlechtesten Wert auch in diesem Jahr bislang mehr als 50 %. Daher spielen Qualitätswerte im Aktienportfolio eine wichtige Rolle. Als Qualitätswerte definieren wir Unternehmen mit starker Marktstellung, solider Bilanz und überdurchschnittlicher nachhaltiger Eigenkapitalrendite. Verlockend mag der Blick auf die so genannten „Value“-Aktien sein, also solche mit geringem Kurs-Gewinn-Verhältnis, wie etwa bei Automobilaktien mit einstelligen KGVs und überdurchschnittlichen Dividendenrenditen. Demgegenüber steht exemplarisch das Qualitätsunternehmen Nestlé mit einem KGV von über 20 und einer unter 3 % liegenden Dividendenrendite. Aber, und das spricht für Qualitätswerte: Der Schweizer Nahrungsmittelkonzern konnte den deutschen Primus Daimler um über 20 % in der Performance übertreffen.


Überhaupt sollte man noch nicht davon ausgehen, dass Value-Titel bald von einer Sektor-Rotation profitieren sollten. Gerade in konjunkturellen Abschwungphasen verlieren Value-Aktien relativ gesehen stärker als der Markt. Denn viele Unternehmen, die günstig bewertet erscheinen, haben nicht ohne Grund ein geringes Kurs-Gewinn-Verhältnis. Merkmale wie Bilanzqualität, profitables Wachstum und Wettbewerbssituation sind in diesem Kontext höher zu werten als vermeintlich günstige Bewertungskennziffern.

Burkhard Allgeier

Chief Investment Officer

Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG

Telefon: +49 (0) 69 2161-1582

E-Mail: burkhard.allgeier@hauck-aufhaeuser.com