GASTBEITRAG


Wie hat sich Research in Corona verändert?

von Dr. Alexander Orthgieß

Vor langer Zeit, als das Reisen noch erlaubt und opportun war, sagte ein sehr kluger Fondsmanager in London zu uns: „reading and thinking, that’s all asset management is about“. Grundsätzlich hat er Recht, besteht doch ein Großteil der Arbeit auch eines Dachfondsmanagers aus Schreibtischtätigkeit. Aber wenn es so einfach wäre, könnten wir hier bereits aufhören.

Für Dachfondsmanager gibt es noch weitere Komponenten, die es zu beachten gilt, will man Fonds nicht nur nach der Rangliste oder Morningstar Sternen kaufen. Dabei geht es vor allem um den Faktor Mensch und damit zusammenhängende Softfacts.

Doch der Reihe nach: Was zählt alles zum Research? Zunächst geht der Fondsselektor auf die Suche bzw. er ist eigentlich immer auf der Suche – getreu dem Motto „der Bessere ist des Guten Feind“. Wenn er einen vielversprechenden Fonds gefunden hat, wird der Fonds auf Herz und Nieren geprüft. Hat man sich dann für einen Fonds entschieden, muss er fortlaufend beobachtet werden.

Beginnen wir beim Monitoring bestehender Investments. Hier ist der Kontakt zu den Ansprechpartnern gefestigt, sei es zum Fondsmanager oder seinen Kollegen aus dem Vertrieb. Ein Anruf genügt, um an die wichtigsten Informationen zu gelangen, und über den Mail-Verteiler bekommt man ohnehin alle offiziellen Informationen. Das war früher schon so und ist auch in Zeiten von Corona so. Allerdings hat sich der persönliche Kontakt parallel zur Reisetätigkeit der Damen und Herren aus dem Vertrieb wie auch der Fondsmanager und Fondsselektoren selbst reduziert.

Stattdessen lernen selbst alte Haudegen den Umgang mit Zoom & Co. Viele Fondsmanager gingen bislang alle paar Wochen oder Monate auf Roadshow, um Marketing zu machen. Als Fondsselektor möchte man den Manager aber ohnehin nach der eigenen Investition am liebsten nur noch an dessen Schreibtisch wissen. Das straffe Programm solcher Marketing-Trips hindert sie natürlich daran, sich in dieser Zeit intensiv um ihren Fonds zu kümmern oder auch nur in den besuchten Städten ein wenig Sightseeing zu machen. Stattdessen werden seit Corona verstärkt regelmäßig Webinare angeboten. Auch Hauck&Aufhäuser hat sein Angebot hierfür deutlich vergrößert. Dabei nutzen insbesondere kleinere und eher unbekannte Boutiquenfonds diese Plattform, was einem Selektor natürlich entgegenkommt. Insofern bringt die Einschränkung der Marketingreisen durch Corona auch Vorteile.

Doch wie verändert sich die Analyse eines Fonds während des Lockdowns? Für die Due Diligence eines Fonds organisiert man sich zunächst jegliche zur Verfügung stehenden Informationen zum Fonds wie Verkaufsprospekt, Präsentationen, der sog. RFP, in dem die wesentlichen Fragen zum Fonds wie Track Record, Anlagestil, Lebenslauf des Managers, Höhe der Kosten, Struktur der Fondsgesellschaft, beteiligte Parteien etc. beschrieben sind. Natürlich sucht man auch nach möglichen Interviews oder Artikeln über den Manager und fragt Referenzen ab. Das alles kann man im Home Office natürlich genauso machen wie im Büro. Gleiches gilt für das Abklären, ob der Fonds bei seiner Depotbank erwerbbar ist bzw. der Fonds bereits aufgesetzt ist. Bei Hauck & Aufhäuser gab es hierbei noch nie Probleme.

Vor einem Investment sollte man eigentlich den Manager persönlich befragen. Wenn der Manager nicht vor Ort ist oder sich in die Nähe begeben hat, konnte man als Selektor auch selbst auf Reisen gehen und den Manager in seinem Büro besuchen. Dies ist natürlich umso einfacher, wenn der Manager in Europa lebt, und umso aufwendiger, Manager in Amerika oder Asien in ihren Büros für ein One on One zu bekommen. In Zeiten von Corona ist das unmöglich.

Doch was ist so wertvoll daran, den Manager in seinem Hometurf zu erleben? Man bekommt ein Gefühl für sein Selbstverständnis und den Anspruch. Das beginnt schon bei der Immobilie: Lage, Lage, Lage – befindet sich das Büro im Trophy Building mit Aussicht oder doch im bescheidenen Hinterhof? Auch die Stimmung im Team lässt sich bei einem Besuch nur schwer verleugnen.

Kommen wir zum letzten bzw. wichtigsten Punkt – wie findet man denn herausragende Fonds? Auch hier hat sich gegenüber der Zeit vor Corona etwas verändert. Was jedoch gleichgeblieben ist, ist die eigenständige Suche. Als Fondsselektor muss man ein klein wenig Trüffelschwein sein, will man doch gerade Fonds finden, die idealerweise Gewinner von morgen sind oder solche, die auf Öffentlichkeitsarbeit keinen Wert legen. Typischerweise sind diese nur in wenige Portfolios vertreten und können ein klein wenig als Alleinstellungsmerkmale dienen.

Hilfreich bei der Ideengenerierung können auch die verschiedenen Veranstaltungen der einschlägigen Anbieter sein, da dort auch solche Fonds der großen Häuser vorgestellt werden, denen sonst nicht die gleiche Aufmerksamkeit zuteilwird wie den Flaggschiffen. Doch solche Veranstaltungen finden aktuell nur virtuell statt. Damit entfällt eine weitere Möglichkeit der Ideengenerierung, das Netzwerken.

Fondsresearch besteht im Wesentlichen aus Lesen, Fragen, Zuhören, Beobachten oder anders formuliert aus Schreibtischarbeit, Reisen, Netzwerken. Da Reisen derzeit nur bedingt möglich ist, verbringt man mehr Zeit am Schreibtisch. Dies gilt sowohl für den Fondsmanager als auch den Fondsselektor.

Durch die modernen Kommunikationsmöglichkeiten ist die Informationseffizienz sogar gestiegen. Noch nie gab es so vielzählige und turnusgemäß wiederkehrende Informationsangebote der Fondsgesellschaften, so dass der Weg auch zu räumlich weit entfernten Fondsmanagern deutlich kürzer geworden ist.

Dagegen ist auch im Fondsresearch der kurze Dienstweg länger geworden. Dies betrifft nicht nur den Flurfunk auf Veranstaltungen, sondern auch das Fehlen des „Look and Feel“ im persönlichen Gespräch mit dem Manager. Ihm stellt man im vertrauten Vier-Augen-Gespräch natürlich andere Fragen als in einem Webinar für die Allgemeinheit. Und selbst in einem individuellen Video Call mit dem Manager sind die Antworten mutmaßlich unverbindlicher als im persönlichen Gespräch.

Dafür kann man bei Webinaren und Videokonferenzen auch Einblicke erhalten, die man ohne Corona nie bekommen hätte, wie die Einrichtung des Fondsmanagers bei sich zu Hause.

Letzten Endes aber ist es wie immer: Durch die Einschränkungen gibt es natürlich Nachteile, aber eben auch Vorteile. Entscheidend ist, was man daraus macht.

Dr. Alexander Orthgieß

Inhaber und Geschäftsführer

BAGUS Capital GmbH

Max-Planck-Straße 4

85609 Aschheim

Tel: +49 (0)89 716 718 780 E-Mail: ao@bagus-capital.com

Internet: www.bagus-capital.com