AUSBLICK


2. Halbjahr 2021: Das werden die Hot Topics der Kapitalmärkte

Das zweite Halbjahr des Jahres 2021 ist angelaufen und mit ihm kommen neue Bewegungen, mitunter Überraschungen aber vor allem neue Themen-Schwerpunkte an die Kapitalmärkte. Burkhard Allgeier, Chief Investment Officer von Hauck & Aufhäuser und Geschäftsführer von H&A Global Investment Management hat deshalb einen Blick auf die Bereiche Inflation, China, Rohstoffe und Tapering geworfen - und wir haben unsere Fondspartner gefragt, wie sie die Dinge sehen.

Inflationsspuk – nur vorübergehend

Die Inflation in Deutschland und auch der Eurozone wird in 2021 durch eine Reihe von Sondereffekten (Basiseffekten) beeinflusst: in der Spitze können im Sommer/Herbst Teuerungsraten über 3 % erreicht werden, bevor die Inflation Anfang 2022 wieder unter 2 % fallen dürfte. Allein die Einführung der CO2-Steuer in Deutschland hat zu einer Anhebung der Inflationsrate (Gesamtrate) um 0,4 Prozentpunkten zu Jahresbeginn geführt. Zudem erhöht die Rückkehr zu den „alten“ Mehrwertsteuersätzen (mit Ausnahme Gastronomie) bezogen auf das Gesamtjahr die Inflationsrate um 0,6 Prozentpunkte. Darüber hinaus steigen die Energiepreise: die Preise für Energierohstoffe fielen in Q1 2020 stark und erholten sich seither kräftig, wodurch es über das ganze Jahr hinweg zu erheblichen Basiseffekten kommt. Schätzungen (IfW Kiel) veranschlagen den Energiepreiseffekt auf die Inflation auf 0,4 Prozentpunkte. Unsicher ist indes, wie stark die Nachholeffekte beim Konsum die Inflation beeinflussen – sie stellen aber ein Aufwärtsrisiko dar: für Deutschland wird die aufgestaute Kaufkraft für 2020 und 2021 auf etwa 200 Mrd. EUR geschätzt; dies entspricht 10% der gesamten privaten Konsumausgaben eines Jahres. Gleichzeitig gibt es Angebotsengpässe, die den Inflationsdruck weiter verschärfen. Das zeitliche Zusammenfallen von expansiver Geld- und Fiskalpolitik („Policy Mix“) mit der deutlichen Konjunkturerholung (auch wenn die Spitze – „growth peak“ naht) erweitert die Inflationsdebatte um eine weitere Dimension. Indizes, die Inflations-Überraschungen („inflation surprise“) messen (sie vergleichen die Datenveröffentlichungen mit den zuvor gehegten Erwartungen), sind sprunghaft angestiegen.

Was kommt 2022 und danach? Nach den Inflations-Kapriolen, die für Deutschland und die Eurozone im zweiten Halbjahr 2021 ihre „Peaks“ erreicht haben dürften, gehen wir sodann von einem nachlassenden Preisdruck aus. Denn die beschriebenen Sonderfaktoren fallen 2022 zum Großteil weg! Außerdem bleiben die globalen strukturellen Faktoren, die bereits vor der Pandemie preisdämpfend wirkten (Digitalisierung, Globalisierung, Wettbewerbsintensität) bestehen.

„Für uns hat sich der Blick auf die durchschnittliche und damit geglättete Inflation in den letzten zwei Jahren bewährt. Auch bei dieser Betrachtung zeigt sich kein sofortiger Handlungsbedarf der Notenbanken. Nach unserer Einschätzung wird jedoch eine rein verbale Intervention spätestens im Jahr 2022 nicht ausreichen, insbesondere auf der US-Seite. Darauf sollten sich Anleger vorbereiten."

Norbert Schmidt, Fondsmanager, Heemann Vermögensverwaltung AG

China: Kraftpaket mit attraktiven Anlagemöglichkeiten

Die chinesische Wirtschaft hat das Jahr 2021 mit einem Rekordwachstum begonnen. Die jüngsten Aktivitätskennziffern legen zwar einen leichten Rückgang der sehr hohen Frühjahrsdynamik nahe. Grundsätzlich ist Chinas Wachstumspfad jedoch intakt. Auch das zweite Halbjahr dürfte also von einem regen Konjunkturmomentum in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt geprägt sein. Davon dürfte auch die chinesische Währung mittelfristig weiter profitieren, was Local-Currency-Engagements entsprechend attraktiv macht. Während die Rendite fünfjähriger chinesischer Staatsleihen bei rund 3,1% liegt, rangieren die Pendants in den USA und hierzulande bei 1,5 % respektive -0,2 %. Damit offeriert der chinesische Bondmarkt im Bereich der Staatspapiere einen attraktiven Renditevorteil. Darüber hinaus ist die Korrelation zwischen chinesischen Staatsanleihen und jenen der klassischen Industriestaaten historisch betrachtet sehr gering. Die Vorteile dieser empirischen Eigenschaft zeigten sich zuletzt während des großen Ausverkaufs zu Beginn der Covid-19-Pandemie. Während die Preise chinesischer Bonds im März 2020 stiegen, rentierten Aktienmärkte weltweit und Emerging-Market-Bonds zum Teil in tief rotem Terrain. Selbst im Jahr 2018, als sich der Handelskonflikt zuspitzte, sowie im Jahr 2015, als China einen Aktienmarkt-Crash erlebte, waren Bonds von chinesischen Staatsanleihen und Förderbanken stark nachgefragt. Vor diesem Hintergrund lässt sich die Diversifikationseigenschaft von China-Bonds bereits deutlich erkennen.

„Nicht nur am chinesischen Bond Markt eröffnen sich Chancen, sondern Dank des signifikant gestiegenen Wohlstands in den vergangen beiden Jahrzehnten werden sich vielfältige Chancen für das Gesundheitswesen bieten. Insbesondere aufgrund des demographischen Wandels und der damit einhergehenden Überalterung der Bevölkerung in China, die auch die vor kurzem beschlossene Lockerung der 2-Kind-Politik nicht so schnell ändern werden kann."

Manuel Kohl, Geschäftsführer, Lacuna GmbH

Grüne Welle und Weltkonjunktur verleiht Rohstoffen Flügel

Vor dem Hintergrund der Klimaziele, die sich die Staaten weltweit gesteckt haben, rückt unweigerlich die Elektrifizierung der Weltwirtschaft und damit die Nachfrage nach entsprechenden Industriemetallen in den Fokus. Eine entscheidende Rolle spielt hierbei Kupfer, für das es nur wenig Substitute gibt. Gegenüber Verbrennungsmotoren benötigen Elektrofahrzeuge beispielsweise viermal so viel Kupfer. Windfarmen sind ein weiterer Einsatzort: gegenüber herkömmlichen Kraftwerken sind Windfarmen pro erzeugtem Megawatt viermal so kupferintensiv. Beide Beispiele führen pro Jahr zu einer zusätzlichen Nachfrage von etwa einem Prozent. Diesen preistreibenden Faktoren (grüne Welle in Kombination mit einer rasanten weltwirtschaftlichen Erholung) steht eine unseres Erachtens mittelfristig limitierte Angebotssituation gegenüber, so dass wir mit einer anhaltend positiven Preisdynamik rechnen. Viele Rohstoff-Unternehmen haben in den vergangenen zehn Jahren Dividendenzahlungen höher priorisiert als Investitionen in vorhandene und/oder neue Projekte. Darüber hinaus war die (umwelt-)politische Opposition gegen neue Minenprojekte global so groß wie niemals zuvor. Und selbst wenn eine Genehmigung vorliegt, benötigt beispielsweise eine neue Kupfermine bis zu einer Dekade, um den Betrieb aufnehmen zu können. Allerdings kann der gleichzeitige Abbau von Lägern zu Volatilität bei den Preisen führen.

Ganz generell sind wir für die Rohstoffpreisentwicklung im zweiten Halbjahr 2021 ob der immer robusteren synchronen Weltkonjunktur positiv gestimmt.

"Die Energiewende und Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft treibt die Nachfrage nach strategisch wichtigen Metallen wie Kupfer, Kobalt, Lithium oder auch Aluminium. Allerdings sehen wir hier mitunter auch ungünstige Entwicklungen, beispielsweise bei Kupfer: Trotz des starken Preisanstieges sind die Bergbaukonzerne nicht willens oder in der Lage in neue Kupferprojekte zu investieren. Langfristig wird dies zu Versorgungsengpässen führen, denn grundsätzlich wird es immer schwieriger, große hochgradige Kupfervorkommen in sicheren Bergbauregionen zu finden."

Hans E. Günnewigk, Vorstand, Consortia AG

Tapering-Fantasien sind nur teilweise gerechtfertigt

In der Eurozone ist im zweiten Halbjahr keine Veränderung der Geldpolitik, bezogen auf den aktuellen geldpolitischen Rahmen und Instrumentenkasten, zu erwarten. Zwar wird auch die EZB (wie ihre große Schwester in den USA) entsprechende Inflationsentwicklungen anerkennen. Diese sind jedoch wie unter „Inflation“ geschrieben größtenteils temporär Natur. Größte Herausforderung der EZB dürfte letztlich die Entwicklung auf dem EWU-Arbeitsmarkt sein. Nur von einer Lohninflation würde eine nachhaltige Preisinflation ausgehen. Davon kann mit Blick auf den EZB-Lohnbarometer aber keine Rede sein. Im Fokus der Märkte dürfte jedoch die Conclusio des Strategic Review stehen, also die Überprüfung des aktuellen geldpolitischen Rahmenwerkes. Wir erwarten, dass die EZB ein Zielband von +/- 0,5 Prozentpunkten um ihr dann symmetrisches Inflationsziel von 2 % legt, oder aber analog der Fed zu einem Average-Inflation-Targeting übergeht, wobei auch hier die Marke von 2 % verwendet werden dürfte. Das Pandemic-Emergency-Purchase-Program (PEPP) sollte im zweiten Halbjahr weiter stark von der EZB genutzt werden, wobei die Notenbank im Dezember kommunizieren sollte, wie und ob sie das Krisenprogramm Ende des ersten Quartals 2022 auslaufen lassen respektive mit einem anderen Programm verschmelzen möchte.

Die US-Notenbank ist im Vergleich zur EZB einen Schritt weiter und macht sich seit ihrer geldpolitischen Juni-Sitzung offiziell Gedanken über ein mögliches Tapering, also die Drosselung der Ankaufvolumina von US-Staatsanleihen und Hypothekenpfandbriefen. Wir erwarten, dass die Fed entweder im August auf der jährlichen geldpolitischen Konferenz in Jackson Hole oder spätestens auf ihrer September-Sitzung einen konkreten Ablaufplan für ihr Tapering vorliegen wird. Während wir in unserem Basisszenario weiter erwarten, dass die Ankäufe ab Januar 2022 gesenkt werden, ist das Risiko einer früheren Drosselung bereits im Dezember 2021 in den vergangenen Wochen etwas gestiegen.

Burkhard Allgeier

Chief Investment Officer

Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG

Kaiserstraße 24

60311 Frankfurt am Main

Tel: +49 (0)69 8700 847 582 E-Mail: burkhard.allgeier@ha-gim.com

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